Beuys
Joseph Beuys (1921 - 1986): Any inquiry into the origins of the idea of social sculpture will soon come across Joseph Beuys' 'theory of sculpture'.
Genesis of the idea of social sculpture
Beuys describes how this theory, and thus of the idea of social sculpture, emerged from his early questions. He explains how reflecting on sculptural form (plastisches Gestalten) always led him to question what the essense of sculpture might be. He was not satisfied with the usual answer that sculpture was a three-dimensional entity in space.
He therefore continued to experiment with and reflect on the whole notion and nature of sculpture.
In doing so he realised that every three-dimensional entity not only has a spatial dimension, but also a temporal and a thermal dimension. To speak of sculpture or form is therefore to speak of something that changes over time and is subject to processes of heat and cold. Beuys chose fat as the substance best suited to making visible these thermal and temporal processes.
In addition to this he also maintained that sculpture could not be identified with material objects alone, but rather that the sculptural element encompasses other, invisible entities as well.
And so it became clear to Beuys that, using the language of art, social processes could equally be described as aesthetic processes. However, in order to be able to perceive the scupltural qualities of these processes, new organs of perception needed to be developed.
A central aspect of the SSRU's work concerns the development of such new organs of perception.
Joseph Beuys' perspective on 'new organs of perception'
Beuys once referred to these new organs of perception as that which hears, senses and wills. With these inner organs he believed that it was also possible to perceive qualities in social contexts that extend beyond the temporal and the spatial, such as the sound of things and the processes of heat or cold.
Beuys claimed to have experienced such sculptural, plastic qualities, which had not previously existed in sculpture, in the works of Wilhelm Lehmbruck. When he saw Lehmbruck's sculptures for the first time, they called out to him: "Sculpture - something can be done with sculpture! Everything is sculpture!"
But sensing, hearing and willing constitute an inner 'morphogenesis', an inner process of organic formation: listening to what things say, sensing what things want, and consequently finding the inner strength that enables us to act. Thus Beuys can say that thinking itself is actually sculptural - that is, morphogenetic. According to Beuys, "It is in my thinking that the process begins which, through my bodily organs and other instruments, then comes into the world as an impression and a form that is able to inform."
Consequently, Beuys often said how important it was to be accountable for the nature and quality of one's own thinking. He maintained that the question "What can we do?" should always be preceded by the question "How must we think?".
And his answer to this question was the idea of social sculpture. According to Beuys, this idea should be both the motivating force and the plumb line for our thinking about state and society. How can a society be organised so that it possesses the sculptural qualities of a successful work of art? Observing our social forms from the perspective of social sculpture, one cannot help but recognise the diseased state of all existing 'societal sculptures', in fact, of all social organisms.
This was Beuys' diagnosis in the final third of the last century. However, although the organisational forms of social organisms around the world are changing incredibly quickly, we cannot simply anticipate that such changes will take place from this kind of sculptural perspective.
The SSRU has taken on the task of raising awareness and encouraging discussion about the structuring of social organisms from such a sculpture perspective.
Text: Wolfgang Zumdick Translation: Rachael Barham/Shelley Sacks
Neue Wahrnehmungsorgane (new organs of perception)
Beuys nannte diese Organe einmal das Hörende, das Sinnende, das Wollende. Mit diesen inneren Organen sei es möglich, auch überräumliche und überzeitliche Qualitäten als die Klänge der Dinge und Wärme- oder Kälteprozesse in sozialen Zusammenhängen wahrzunehmen.
In Wilhelm Lehmbrucks Skulpturen, so Beuys, habe er erstmals diese plastischen Qualitäten erlebt, die niemals zuvor in der Skulptur vorhanden gewesen seien. „Skulptur - mit der Skulptur ist etwas zu machen. Alles ist Skulptur!" habe ihm die Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck zugerufen, als er sie zum ersten male sah.
Das Sinnende, das Hörende, das Wollende aber ist eine innerliche Gestaltbildung. Zuhören, was die Dinge sagen, sinnen, was die Dinge wollen und dadurch die innere Kraft erleben, die zur Handlung fähig macht. Und so kann Beuys sagen, dass bereits das Denken etwas Skulpturales, das heißt Gestaltbildendes ist. „Bereits im Denken", so Beuys, „liegt der Formvorgang gegründet, der dann durch meine Leibesorgane und andere Werkzeuge als Abdruckcharakter in die Welt und dort zu einer Form kommt, die informiert."
Daher sagte Beuys oft, wie wichtig es sei, sich über den Charakter des eigenen Denkens Rechenschaft abzulegen. Vor der Frage, so formulierte er, „Was können wir tun?", müsse die Frage stehen „Wie müssen wir denken?".
Die Antwort, die er auf diese Frage gab, war die Idee der Sozialen Skulptur. Sie ist die Richtkraft und die Leitlinie, an der unser Denken über Staat und Gesellschaft sich zu orientieren habe, so Beuys. Wie müsse eine Gesellschaft organisiert sein, so dass sie die skulpturalen Qualitäten eines gelungenen Kunstwerkes besitzt? Betrachtet man die Gesellschaftsformen vor dem Hintergrund dieser Idee, so erkennt man, dass die Gestalt aller real existierenden Gesellschaftsskulpturen, also aller sozialen Organismen, krank ist.
So weit Beuys Diagnose für das letzte Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Wir müssen feststellen, die Organisationsformen der gesellschaftlichen Organismen weltweit ändern sich heute mit hoher Geschwindigkeit. Es ist jedoch nicht abzusehen, dass diese Veränderungen mit Blick auf jene skulpturale Perspektive geschehen.
Die SSRU hat sich zur Aufgabe gemacht, die skulpturale Perspektive zur Gestaltung sozialer Organismen in die Diskussion zu bringen.
Die permanente Konferenz
Die Strategien, die Beuys entwickelte, um den kranken sozialen Organismus zu therapieren, sind vielfältig. Eine der wichtigsten Strategien, die er in diesem Zusammenhang entwickelte, war neben seinen plastischen und zeichnerischen Arbeiten das Gespräch. Beuys, der dies Gespräch unterschiedslos mit jedem Menschen führte und einmal bekannte, er sei auf der „Suche nach dem Dümmsten" (da es im Prinzip keine Dummheit gebe und er gerade die Intelligenz der ‚Dummen' sehr schätze) erkannte, dass gerade das Schweigen und die Vereinsamung einer der Gründe für die große Depression des Jahrhunderts sei.
Das Gespräch suchte er für hundert Tage im Büro für Direkte Demokratie auf der documenta 5, auf der documenta 6 in Zusammenhang mit der „Honigpumpe am Arbeitsplatz", er suchte es in immer neuen Gesprächs-, Podiumsdisskussions- und Vortragsrunden, die zu wichtigen Installationen wie den Richtkräften in der Berliner Nationalgalerie oder dem „Kapital Raum" in Schaffhausen führten. Er suchte es aber auch auf den zahlreichen politischen Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Gründung der Grünen, der politischen Bewegung, die den Ideen der Basisdemokratie, Gewaltfreiheit, Ökologie und dem Sozialen verpflichtet waren.
Erweiterung des Kunstbegriffes
Die Idee der Sozialen Skulptur führte Beuys konsequent zur Idee des Erweiterten Kunstbegriffes. Kunst, so Beuys, könne nicht nur auf die klassischen Kunstdisziplinen beschränkt werden, sondern jede Form menschlichen Tuns könne als ein künstlerischer Akt begriffen werden. Alle menschlichen Tätigkeiten könnten schöner, moralischer, ästhetischer - sprich menschlicher werden, lege man strenge ästhetische Maßstäbe an sie an.
Um dies zu erreichen müssten aber auch die Menschen in die Lage versetzt werden, ihre wichtigste Ressource, ihr verborgenes Künstlertum zu entdecken - denn, das ist die entscheidende anthropologische Aussage von Beuys, „Jeder Mensch ist ein Künstler". Wie aber kann das Künstlerische, das immer wieder neu, immer wieder anders in jedem Einzelnen schlummert entdeckt und der ‚verborgene Schatz' gehoben werden? Durch künstlerische Erziehung. Die isolierte Kunsterziehung, so Beuys, müsse abgeschafft werden. Das künstlerische Element sei generell in jedes Unterrichtsfach hineinzutragen: „in die Muttersprache, Geographie, Mathematik, Turnen. Ich plädiere für ein Bewusstsein, dass es nach und nach keine andere Möglichkeit gibt, als dass die Menschen künstlerisch erzogen werden", so Beuys.
Freie Schulen und Hochschulen
Einer der wichtigsten methodischen Hebel, um dies durchzusetzen, war für Beuys die grundlegende Schul- und Hochschulreform. Freie Schulen und Hochschulen, staatlich finanziert aber in offener Selbstverwaltung als kleine Organismen, in denen sich neue, experimentelle Formen der Bildung und des Engagements entwickeln könnten, war die Idee.
Beuys Versuch, im Bereich der Hochschulausbildung bereits so ein alternatives Bildungsmodell zu entwickeln, war die Gründung der Free International University (FIU), ein Projekt, dass er gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Heinrich Böll entwickelte. Es gründeten sich in der Folge Ableger der FIU an verschiedenen Orten, unter anderem auch in Italien und Großbritannien, die Idee blieb aber in gewisser Weise ein Fragment. Die SSRU sieht sich als eine Institution, die im Geiste dieser Idee Wissen und Praxis weiter vermitteln will.
Der dritte Weg
Das Kapitel folgt in Kürze
Text: Wolfgang Zumdick
