Goethe
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Goethe (1749 - 1832) - genauer: Dr.jur. Johann Wolfgang von Goethe, Staatsmann, Dichter, Schriftsteller, Zeichner, Naturwissenschaftler - war ein Mensch, der mit „den Augen des Leibes" an jeder Erscheinung unserer Welt lebhaften Anteil nahm, und zugleich mit „den Augen des Geistes" die Einzelheiten in ihrem geistigen Zusammenhang zu sehen versuchte.
So begründete er eine Farben-Lehre, wo andere sich um eine geometrische Optik bemühten, so entwickelte er die vergleichende Gestalt-Kunde - die Morphologie - als wissenschaftliche Methode, die ihm ermöglichte, die gemeinsamen Bildegesetze der Pflanzen oder der Wirbeltiere zu beschreiben, wo andere die unendliche Vielfalt noch nebeneinander stehen lassen mussten.
„Bildung und Umbildung", Entwicklung zu suchen, zu entdecken und zu beschreiben, war sein Grundanliegen.
Metamorphose
Er verwirklichte dieses Ideal zunächst in seiner Biographie. Schon der Fünfundzwanzigjährige schrieb, wie er „arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will".
Die stufenweise Entwicklung, die „Metamorphose", entdeckt er dann in der Natur wieder, und findet die Regel, nach der sich die Sproßblätter der Pflanzen oder die Wirbel der Vertebraten gestalten.
Schließlich beschreibt er Biographien als Verwandlungsdrama - etwa in den großen Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre" und „Wilhelm Meisters Wanderjahre" oder in Dramen wie „Faust 1 und 2".
Als Staatsmann, als Mitglied des Kabinetts des Großherzogs von Sachsen-Weimar, hatte er die verschiedensten Ressorts inne. In jeder Aufgabe vertiefte er sich in die Besonderheiten, die damit zusammenhingen.
Sozialutopien
In seiner Umgebung und durch die zahllosen Besuche von nah und fern hatte er Gelegenheit, die verschiedensten Charaktere und Lebensverhältnisse von Menschen aller Berufe kennenzulernen. Er interessierte sich für deren Entwicklung und die Formen ihres Zusammenlebens.
Formen möglicher Gemeinschaften - tragische wie glückliche - entwarf er in Dramen und Romanen. Mit Lenardo und Montan in „Wilhelm Meisters Wanderjahren" entwickelt er eine Sozialutopie und im selben Roman die „pädagogische Provinz", ein kühnes Erziehungs- und Sozialkonzept.
Seine Antwort auf die französische Revolution ist das „Märchen". In ihm zeigt er in symbolischen Figuren, wie die sinnvolle Entwicklung eines Staatswesens durch Arbeit und Opfer der einzelnen Personen gelingen kann.
Wenn sie ihre Charaktere durch Selbsterziehung zu einem geistig orientierten Leben steigern und ihr Handeln zum Wohl des Ganzen aufeinander abstimmen, kann eine Gesellschaft entstehen, die Schiller einen „ästhetischen Staat", Steiner einen „sozialen Organismus" und Beuys eine „Soziale Skulptur" nennen würde.
Die Grundlage eines Gemeinschaftswesens ist die Verständigung der Einzelnen miteinander.
Nicht Gold (Besitz), nicht Licht (Erkenntnis) ermöglichen das Gemeinwohl, denn: „was ist erquicklicher als das Licht?" - „Das Gespräch". Das Gespräch, das in Zeichnungen von Beuys dort als Diagramm erscheint, wo der „Sonnenstaat", die „Wärmefähre" als künftige soziale Skulptur gezeigt wird: Zwischen Sender >S< und Empfänger >E< bewegt sich das vermittelnde Gespräch.
Text: © Volker Harlan

