Rudolf Steiner

Rudolf Steiner (1861 -1925), founder of anthroposophy, is particularly well known for his ideas regarding reform in the areas of education, medicine and agriculture. What is less well-known is that he also developed a perspective on the state and society which remains influential to this day, a perspective which he initially formulated in 1919, shortly after the end of the First World War.

Steiner was convinced that humans are fundamentally free beings. Beings whose very nature is characterised by the ability to shape nature and culture from their own inner resources, freedom and creativity. Yet the culture with which he was confronted at the beginning of the twentieth century was diametrically opposed to these objectives. Instead of fostering human creativity, it destroyed it. According to Steiner's diagnosis, human beings were being educated not for freedom but rather for dependency. This prevented the unfolding of a complete humanity, with the result that the natural desire to shape and create become its exact opposite: aggression, chauvinism and brutality.

Steiner's analysis implied that the destructive power that had led to the First World War could be directly traced to this suppression of inner human freedom.

The threefold social organism
Steiner developed the idea of the threefold social organism to counteract this development. It was conceived both as a therapy for the healing of the social organism, and as an attempt to use accurate conceptual work and philosophical analysis as a means of "thinking into justice" his era's destructive forms of state organisation.

He therefore developed the idea of a democratic state in which the spheres of culture, economy and law - or what Steiner referred to as 'thought/mental/spiritual life', 'legal life' and 'economic life' - function as autonomous members of the social body. The legal sphere, for example, must develop laws according to the inner imperative of justice. If the economy attempts to influence legislation, it is contravening one of the elemental laws of the social organism, which must be governed by legally defined equality and security. 

Freedom in the mental/spiritual life should ensure that people are free to develop and exercise their individual talents, thus also allowing cultural variety and its continued development. Equality in the legal sphere would, as already mentioned, secure the rights and opportunities of the individual, offering protection from tyranny. Cooperation (fraternity) in economic life would ensure fair prices and fair distribution of goods in a free market, through associations of consumers, retailers and producers. 

Rudolf Steiner envisioned the economic cycle as follows: It is the responsibility of the legal sphere to create a legislative framework which, in contrast to the communist idea, neither expropriates nor nationalises private property, but rather transforms it into 'trust ownership' (ownership by trust).

Capital that is neutralised in this way can neither be sold nor bequeathed, but only passed on to new owners as a sort of gift. It therefore evades capitalist abuse through profit-maximizing resale or stock market speculation. What is more, this would ensure both the freedom of entrepreneurs concerned with public welfare and the social responsibility of ownership. 

In terms of a threefold social order, the state would step back from its central position of authority, relinquishing aspects of its responsibilities to the wider community. This, however, does not mean that these autonomous fields of responsibility exist in an environment devoid of legislation. The ground upon which they stand is the constitution of a state under the rule of law.

The threefold social organism has had an enormous influence on the development of the idea of social sculpture.

Text: Wolfgang Zumdick  Translation: Rachael Barham

Rudolf Steiner (1861 - 1925), Begründer der Anthroposophie, wurde insbesondere durch seine bedeutenden Reformideen in der Pädagogik, der Medizin und der Landwirtschaft bekannt. Weniger geläufig ist, dass er auch auf dem politisch-soziologischen Feld eine bis heute einflussreiche Anschauung von Staat und Gesellschaft entwickelte, die er zuerst im Jahr 1919, also kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges formulierte.

Steiner war überzeugt, dass der Mensch ein grundsätzlich freies Wesen ist. Ein Wesen, dessen eigentümliche Natur darin besteht, Natur und Kultur aus seinen inneren Ressourcen, Freiheit und Kreativität, neu zu gestalten. Die Kultur aber, mit der er zu Beginn des des zwanzigsten Jahrhunderts konfrontiert war, handelte diesen Zielen diametral entgegengesetzt. Statt die menschliche Kreativität zu fördern, zerstörte sie sie. Der Mensch, so Steiners Diagnose, wurde nicht zur Freiheit, sondern zur Abhängigkeit erzogen. Das behindere ihn, sein volles Menschentum zu entfalten und führe dazu, dass der Wunsch nach Kreativität und Gestaltung sich in das Gegenteil verkehrte: in Agression, Chauvinismus und Brutalität.

Steiners Analyse besagte, dass die ganze zerstörerische Kraft, die erste Weltkrieg entfaltet hatte, im Kern auf diese Unterdrückung der inneren Freiheit des Menschen zurückzuführen war.

Dreigliederung des Sozialen Organismus
Insofern war die Idee der Dreigliederung des Sozialen Organismus, mit der er dieser Entwicklung entgegenwirken wollte, als eine Therapie zur Heilung des Sozialen Organismus gedacht und zugleich als ein Versuch anzusehen, durch genaue begriffliche Arbeit und philosophische Analyse, die zerstörerischen staatlichen Organisationsformen seiner Zeit „ins Rechte zu denken".

Aus diesem Grund entwickelte er die Idee eines demokratischen Staatswesens, in dem die Bereiche Kultur, Wirtschaft und Recht, oder wie Steiner sagt Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben als autonome Wesensglieder des Staates fungieren. Das Rechtsleben beispielsweise entwickle seine Gesetze aus der inneren Notwendigkeit des Rechts heraus. Versuche etwa die Wirtschaft, auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen, so verstoße sie damit gegen eines der Elementargesetze des Sozialen Organismus, in dem Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit herrschen müsse. Die Freiheit im Geistesleben soll dem Menschen die Entwicklung und Ausübung ihrer individuellen Fähigkeiten gewährleisten und damit zugleich die kulturelle Vielfalt und ihre Weiterentwicklung ermöglichen. Die Gleichheit im Rechtsleben soll, wie gesagt, die Rechte und Möglichkeiten des Individuums sichern und es vor Willkür schützen. Die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben soll durch Assoziationen von Verbrauchern, Händlern und Produzenten auf einem freien Markt gerechte Preise und eine gerechte Güterverteilung ermöglichen.

Den Wirtschaftskreislauf stellt sich Rudolf Steiner dabei etwa folgendermaßen vor: Aufgabe des Rechtslebens ist es, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der das Privateigentum im Gegensatz zur kommunistischen Idee nicht enteignet oder verstaatlicht, sondern in Treuhandeigentum transformiert. Ein so neutralisiertes Kapital kann weder verkauft, noch vererbt, sondern nur in einer Art Schenkung an neue Eigentümer übertragen werden. Dadurch ist es dem kapitalistischem Missbrauch durch gewinnmaximierenden Weiterverkauf oder Börsenspekulation entzogen. Andererseits wäre die Freiheit am Gemeinwohl orientierter Unternehmer und die Sozialbindung des Eigentums gesichert. Der Staat soll nach den Vorstellungen der sozialen Dreigliederung als zentrale Machtinstanz zurücktreten und einen Teil seiner Aufgaben an die Gesellschaft abgeben. Das heißt jedoch nicht, dass diese autonomen Aufgabengebiete im rechtsfreien Raum stattfinden können. Sie stehen auf dem Boden der rechtsstaatlichen Verfassung.

Die Dreigliederung des Sozialen Organismus hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Idee der Sozialen Skulptur.

Text: Wolfgang Zumdick